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Nov 2nd

Für den Erhalt der Geburtsstation Radebeul, Recht auf Wahlfreiheit des Geburtsortes, ein Plädoyer

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Heute, am 01.11.2013 wurde in Radebeul das 300. Und 301.Baby geboren.

Gerade komme ich von der offenen Initiatorenrunde für den Erhalt der Geburtshilflichen Station in der Elblandklinik Radebeul. Vor kurzem wurde bekannt, dass diese geschlossen werden soll. Überall in Deutschland werden kleinere Geburtenstationen aufgrund von Sparmaßnahmen und stetig sinkender Geburtenrate geschlossen und Experten reden sich dabei über die negativen Folgen seit vielen Jahren den Mund fusselig. Die Presse meldet diesbezüglich immer wieder Neuigkeiten. Überall werden aus Wirtschaftlichkeit Häuser zusammengelegt und gerade in ländlichen Gegenden haben in Folge Frauen unzumutbar lange Wege für eine Geburt auf sich zu nehmen. Hebammen geben dort mehr und mehr ihre Tätigkeit auf  – besonders  aufgrund zu schlechter Bezahlung ihrer Arbeit – mit weitreichenden Folgen für die Frauen bezüglich nicht erfolgender Nachsorgen, Frauen sind im Wochenbett medizinisch auf sich gestellt. Verschiedene Verbände, Hebammen und betroffene Eltern setzen sich seit Jahren dafür ein, neue Regelungen für eine frauenorientierte Versorgung und Geburtshilfe zu schaffen.

Es gibt Vorschriften, wie viele Geburten eine Station vorweisen muss, um deren Existenz zu begründen. Angesichts sinkender Geburtenraten bundesweit müssten diese nun also nach unten angepasst werden, das passiert aber nicht und deswegen kommt es u.a. zu Schließungen. Dies liegt in diesem Fall von Radebeul nicht wirklich vor.  Der Grund für die Schließung: „millionenschwere Verluste aus strukturellen und personellen Fehlentwicklungen im Gesamtverbund der Elblandkliniken in den letzten Jahren sind zu konstatieren.“ (Quelle: SZ vom 13.09.2013) Es soll also Geld gespart werden und da wird überall gerecht etwas gestrichen, es hat nichts mit der Geburtenstation an sich tun. Das klingt alles sehr sachlich und plausibel. Es gibt auch viele Argumente von Befürwortern zur Schließung. Doch kann man Menschenleben auf die Dauer wirklich behandeln wie ein Wirtschaftsgut?

Als Bundesvorstand der Gesellschaft für Geburtsvorbereitung (GfG) vertrete ich eine Lobby, die vor allem eine umfassende Begleitung von Frauen und Familien in der Schwangerschaft, bei der Geburt, am Familienanfang und in der Lebensmitte, sowie die Entscheidungsfähigkeit und Selbstverantwortlichkeit der Menschen in diesen Umbruchphasen des Lebens unterstützt und sich für eine ganzheitliche, kritische Gesundheits- und Bildungsarbeit im Sinne der WHO (Gesundheit 2000) einsetzt. Deswegen habe ich ebensolche sachlichen Argumente aus fachlicher Sicht bezüglich der Geburtshilfe und der von ihnen betroffenen Menschen vorzuweisen.

An dieser Stelle möchte ich als erstes auf die Reichsverordnung verweisen, die veraltet und dringend überarbeitet gehört, aber immer noch gilt. Sie regelt u.a. die ärztliche Betreuung und Hebammenhilfe und in ihr ist das Recht der Frau auf Wahlfreiheit des Geburtsortes (§116 SGB X) verankert.

Mit der geplanten Schließung der Geburtsstation Radebeul wird dieses Recht um ein weiteres Mal eingeschränkt. Außerdem erhöht die Schließung Wege von Gebärenden zum Geburtsort aus Radebeul ebenso wie aus dem angrenzenden Umland, das halte ich für unzumutbar und gesundheitsgefährdend.
Dresden besticht bundesweit bezüglich der Geburtenrate dem gegenteiligen Trend, hier werden die meisten Bundesbürger geboren, 2012 waren das 7580 Babys. Dresden bietet dafür  die Wahlfreiheit in jeder Richtung: Hausgeburt, Geburtshausgeburt, Beleggeburt, Klinikgeburt. Allerdings sind die Krankenhäuser teilweise weder personell noch materiell auf die vielen Geburten ausgelegt. Das führt häufig dazu, dass Frauen nicht die Begleitung erhalten die sie bräuchten. Und es gibt nicht genügend Hebammen, die es sich leisten können, mehr Frauen außerklinische Geburtshilfe anzubieten. Nun soll Dresden auch noch die ca. 400 zusätzlichen Geburten die durch die Schließung Radebeul entstehen, auffangen? Weiterhin auf Kosten einer adäquaten Geburtshilfe, ausgetragen auf dem Rücken der Gebärenden? Und auf dem Rücken von Radebeulerinnen, denen diese Wahlfreiheit in ihrem Gebiet dann nicht mehr geboten wird?

Außerdem möchte ich auf 16 Empfehlungen der WHO zur Geburt hinweisen. Die Geburtenstation in Radebeul erfüllt davon sehr viele Punkte, die sie u.a. durch die Auszeichnung der WHO/UNICEF-Initiative „Babyfreundliches Krankenhaus“ belegen kann. 2009 wurde diese erstmalig und vor allem als erstes sächsisches Krankenhaus an Radebeul vergeben, 2012 erfolgte die Rezertifizierung. Besonders hervorheben möchte ich den Punkt 15: „Geburtshilfliche Einrichtungen, die mit dem Einsatz von Technik kritisch umgehen und emotionale, psychische und soziale Aspekte in den Vordergrund stellen, sollten bekannt gemacht werden. Diese Projekte sollten gefördert werden, um als Modelle für andere geburtshilfliche Einrichtungen zu dienen und die Einstellung zur Geburtshilfe in der Öffentlichkeit zu verändern.“ Mit einer Sectiorate unter 17% liegt die Vermutung nahe, dass in betreffendem Haus Wert auf die Erfülllung dieses Punktes gelegt wird.

Seit 1994 ist nicht einmal mehr Geld in die Sanierung der Station geflossen, obwohl immer wieder zugesichert. Finanziert wurde ein Anstrich aller Zimmer und die Zertifizierung zu „Babyfreundlich“, nichts also was ein Krankenhaus in Richtung Ausgaben in den Ruin getrieben hätte.

Der Oberbürgermeister von Radebeul, Herr Wendsche hat recherchiert, dass Radebeul im AOK Krankenhausreport überdurchschnittlich positiv abschneidet. In Zahlen: 85% Zufriedenheit, damit über dem Bundesvergleich von 82,2%.

Am Rande möchte ich erwähnen, dass dem Personal der Geburtshilflichen Station Radebeul wohl nicht in jedem Fall ein Ersatz für ihre Vollzeitstellen geboten werden kann, auch ihre Existenz ist damit bedroht. Personal, das für einen guten Ruf der Geburtshilflichen Station arbeitet und bereits viele viele junge Familien durch seine 1:1-Betreuung (nebenbei: wo findet sich das noch?) beglücken konnte. Radebeul könnte, wenn sich mehr um Bekanntheit anstatt Schließung gekümmert würde, eine empfehlenswerte Alternative auch für Dresdner darstellen.

Wem bewusst ist, dass Geburt viel mehr ist als einfach geboren werden; wem bewusst ist, dass Geburt der bedeutende Start in Dingen Gesundheit ist und Verlauf, sowie Umstände einer Geburt maßgeblich langfristig die gesundheitliche Karriere beeinflussen, wird wissen, dass die Schließung der Geburtshilflichen Station Radebeul gesundheitspolitsch nicht berechtigt ist. Zahlreiche Studien belegen diese Einflüsse von Geburt auf den Faktor Gesundheit von Mutter und Kind, physisch ebenso wie emotional.

Was kann nun jeder Einzelne tun? Im konkreten Fall von Radebeul der wohl wichtigste Teil: die Petiton unterzeichnen! Jede Stimme zählt und von diesen werden noch viele benötigt. Am 12. Oder 13.11.13 werden diese dann erstmalig in Meißen an das Landratsamt übergeben.

Es werden Freiwillige benötigt, die Unterschriften sammeln und /oder auch sich an einzelnen Aktionen beteiligen. Weitere Treffen der Initiatoren dazu sind geplant. Außerdem können Spenden für die Durchführung der Petition getätigt werden.

Eine starke Empfehlung meinerseits ist außerdem, sich den Film „Freedom for Birth“ anzuschauen und auch, sich darüber bewusst zu werden welche Macht Schwangere, Gebärende und junge Familien bezüglich der bundesweit sinkenden Geburtenrate gegenüber Versicherungen, Institutionen etc. eigentlich haben, so sie diese nutzen würden. Es ist mir wichtig darauf aufmerksam zu machen, dass Radebeul bundesweit sicherlich keinen Einzelfall darstellt, sondern wir uns mitten in einem Prozess befinden, deren Ausgang noch nicht geklärt ist. Nutzen Sie Ihre Möglichkeiten um diesen Prozess zu beeinflussen, denken Sie dabei auch an Ihre möglichen Enkel, Nichten, Neffen, …