Beiträge, Artikel...

Nov 6th

Mia und Maria

Posted by with Kommentare deaktiviert für Mia und Maria

Eine ehemalige Kursteilnehmerin hat mir diesen ihren wunderbaren Geburtsbericht zukommen lassen, um ihn hier mit euch zu teilen. 
Neben vielen Schmunzeleien und glücklichem Grinsen erkenne ich sie so sehr in diesem Text wieder, so schön. Mein erster Gedanke nach dem Lesen ist „Ja, Angst ist niemals ein guter Ratgeber – der eigene (Kugel)Bauch dafür umso mehr.“ 
Vielen lieben Dank für diese ermutigenden, so persönlichen und authentischen Zeilen an uns Frauen und auch an die potentiellen Väter und an alle die mit werdenden Müttern zu tun haben:

DSCN6562DSCN6563DSCN6561

 

Schwanger, oh nein!! Drittes Kind, ungeplant, wir wollten vielleicht irgendwann später noch eins bekommen, aber es hat sich einfach eingeschlichen, vorgedrängelt. Mein Großer ist fast 6, mein Kleiner 2 Jahre alt, unsere Wohnsituation – baufällige Hütte mit Ofenheizung in riesigem verwildertem Garten – ist für ein Baby ganz und gar nicht ideal, überhaupt ist gerade Winter, ich sitze in meinem alljährlichen dunklen Loch und will erstmal überhaupt nicht wahrhaben, dass ich tatsächlich wieder schwanger bin.

Aber dann kommt der Frühling, es beginnt was zu zappeln im Bauch, im Garten grünt und blüht alles, die Sonne scheint und mir geht es prima. Ich habe in den letzten Monaten, eher zufällig, viel über Hausgeburten und Selbstbestimmung während Schwangerschaft und Geburt gelesen, und zwei meiner Freundinnen hatten ungeplanterweise Alleingeburten zu Hause erlebt – es ging in beiden Fällen so schnell, dass die Hebamme es einfach nicht rechtzeitig geschafft hat, und beide waren total zufrieden damit. Im Stillen wünsche ich mir, dass es bei uns auch so kommt. Obwohl meine beiden Jungs in Krankenhäusern geboren wurden und die Geburten nicht weiter traumatisch oder schlimm waren, finde ich den Gedanken doch schön, dass es auch ursprünglicher geht, und bin sowieso der Meinung, dass Geburt ein ganz natürlicher Vorgang ist und nichts mit Kranksein zu tun hat.
Ich kaufe mir, weil ich von ihrem Stillbuch ‘The Food of Love‘ so begeistert war, das neue Buch von Kate Evans übers Schwangerwerden, Schwangersein und Kinderkriegen, ‘BUMP. How to make, grow and birth a baby‘. Absolute Empfehlung an dieser Stelle, man muss aber Englisch können. Auch hier geht es ganz viel um Selbstbestimmung und die Erkenntnis, dass viele Eingriffe unnötig sind und nur stattfinden, weil den Frauen Angst eingeredet wird, weil wir unser Selbstvertrauen in unseren Körper verloren haben, weil wir aus Verunsicherung Sachen mit uns machen lassen statt einfach das passieren zu lassen, wofür wir geschaffen sind. Ich rufe beim Lesen ständig laut ‘Genau!!‘.

Weil ich eine potentiell lebensgefährliche Blutgerinnungsstörung geerbt habe, sagt mir meine Frauenärztin von vornherein dass nur eine Entbindung im Krankenhaus in Frage kommt, stuft mich als Risikoschwangerschaft ein und macht aller paar Wochen eine Ultraschalluntersuchung. Damit gebe ich mich zufrieden, war ja bei den Jungs auch so, und all die schönen Hausgeburtsgeschichten lese ich zwar gerne, aber es sind eben schöne Geschichten, nichts was ich für mich so planen würde.

Aber dann passieren zwei Dinge. Erstens stelle ich auf der Suche nach einer Hebamme für die Nachbetreuung fest, dass eine im Nachbarhaus wohnt. Wir treffen uns und reden, sie leitet ein Geburtshaus, ist total entspannt, findet unser wildes Hippieleben im Garten sympatisch statt verdächtig, und: Sie hatte schon oft Frauen mit meiner Blutgerinnungsstörung, das sei überhaupt kein Problem. Ha. Was hat mir meine Ärztin da erzählt?
Zweitens passiert es gleich mehrmals, dass mir Ärzte auf den Schlips treten, indem sie unsensible Dinge sagen. Sicherlich unbewusst und ohne böse Absicht, aber es passiert, und es regt mich auf. So legt mir meine Frauenärztin als sicherste Verhütungsmethode, und aufgrund meiner familiären Vorgeschichte, eine Hysterektomie nahe. Muss man einer Hochschwangeren die operative Entfernung ihrer Gebärmutter vorschlagen? Kann man dieses Gespräch nicht vielleicht ein paar Monate nach der Geburt führen? Ich brauch meine Gebärmutter momentan gerade und hänge ziemlich an ihr. Bei der Voruntersuchung im Krankenhaus wird das Baby rundum vermessen und berechnet, und ist 6 Wochen vor Termin schon über 3kg schwer. ‘Passen Sie auf dass es nicht in dem Tempo weiterwächst, sonst müssen Sie am Ende so einen Brocken von 4kg gebären, und bei Ihrer schmalen Statur …‘ Na danke, so kann man einer Frau auch den Glauben an sich selber nehmen. Ich hör mal besser auf zu essen, sonst wird mein Baby zu groß und ich schaffe die Geburt nicht. Wieder meine Ärztin: ‘Sie gehen mir keinen Tag über den Termin, wir leiten Sie am Termin ein, ihr Baby ist ja jetzt schon groß genug.‘ Wo ich doch gerade soweit bin, mir über das genaue Datum nicht den Kopf zu zerbrechen, sondern das Baby einfach kommen zu lassen, wann es will …
Auf Ärzte bin ich also vorerst schlecht zu sprechen, und wir haben in Haus und Garten so viel zu tun, dazu ist so wunderbares Frühsommerwetter, dass ich mir nicht weiter über Baby und Geburt den Kopf zerbreche, sondern fröhlich vor mich hinwerkele und mit Eimerchen und Sandkastenschaufeln durch meinen wunderbaren Garten watschele, denn normal großes Werkzeug kann ich dank Murmelbauch nicht mehr handhaben. Ich strotze vor Energie und Tatendrang, solang ich mich aller paar Minuten hinsetzen und ausruhen kann, und bin jeden Abend bis 22 Uhr im Garten unterwegs, bis es zu dunkel wird.

Fünf Tage vor Termin, als ich abends meine Tomaten gepflanzt und meine Werkzeuge aufgeräumt habe, geht mir durch den Kopf, wie wunderbar schön alles im Moment ist. Ich fühle mich rundum glücklich, mit mir, meiner Familie, in diesem Garten, dem ich beim Wachsen zuschauen darf und der uns mit so vielen guten Dingen versorgt. Ja, alles ist so, wie es sein soll, ich bin angekommen. Und dann denk ich noch ‘Na, wenn das Baby diesen Gedanken jetzt gehört hat, macht es sich heut nacht auf den Weg. Wenn hier draußen alles so wunderbar ist, will es bestimmt auch rauskommen, sich das selber anschauen.‘

Morgens um drei wache ich mit einem leichten Ziehen im Bauch auf. Aha, Baby hat mich also wirklich gehört. Es zieht noch ein paarmal, bis ich mir ganz sicher bin, das sind tatsächlich Wehen. Ich bleibe liegen und höre in mich hinein, versuche nochmal einzuschlafen, aber nein, das geht nicht. Einmal gehe ich zur Toilette und werde unterwegs von einer Wehe geradezu überfallen, stehe zitternd im Flur und halte mich am Schrank fest und fühle mich elend. Dann schnell, nein, vorsichtig, zurück ins warme Bett gekrochen, wo ich viel bequemer vor mich hinwehen kann. Ich schaukle meinen Bauch, atme dazu und gebe mir Mühe, jede Wehe ganz bewusst zu erleben, und dabei nicht an Schmerz zu denken, sondern daran dass mein Muttermund sich waaaaaaait öffnen muss, um das Baby durchzulassen. Es gibt da diese schönen Bilder von sich öffnenden Blumen, die den Prozess veranschaulichen sollen. Die versuche ich meinem inneren Auge vorzuhalten, aber es will nicht. Stattdessen sehe ich immer nur meinen uralten schlabberigen Turnbeutel aus Grundschulzeiten vor mir, lila mit Tunnelzug. An den hab ich seit Jahrzehnten nicht mehr gedacht, aber dieser Tunnelzug war sehr eng, und man musste den Beutel immer ganz umständlich aufpfriemeln und die Öffnung nach und nach weiter machen. Genauso, wie meine Gebärmutter das gerade macht. Toll, wie romantisch, eine Turnbeutelgeburt, denk ich mir und kichere ein bisschen.

Ich liege immer noch im Bett, draußen wird es langsam hell, noch so ein glorreicher Sommermorgen, und neben mir liegen mein Mann und die Jungs. Alle schlafen noch tief und fest und ahnen nichts, und in mir reift die verrückte Idee, dass ich jetzt einfach so lange alleine weitermache, bis es zu spät ist, ins Krankenhaus zu fahren. Vielleicht, vielleicht geht es ja schnell genug, dass ich meinen Mann dann für die Presswehen wecken kann. Oder so. Jedenfalls ist es die totale Horrorvorstellung für mich, jetzt aufstehen zu müssen, die eine Wehe auf dem Weg zur Toilette war schlimm genug. Jetzt Kinder wecken, Rumgewusel bis alle angezogen sind, zur Babysitterfreundin fahren, weiter zum Krankenhaus, im Auto immer wieder Wehen, unbequem im Sitzen, dann im Krankenhaus rumwarten bis wir aufgenommen werden, bis ein Zimmer frei ist, bis der Papierkram unterschrieben ist … nee. Hier im Bett ist es warm und freundlich und gemütlich und fühlt sich einfach richtig an, also bleib ich hier.

Nicht ein einziges Mal kommt der Gedanke in mir auf, was denn wird wenn ich Schmerzmittel brauchen sollte.
Irgendwann wecke ich meinen Mann. ‘Du, wir kriegen ein Kind. Jetzt. Ich bleib aber hier, ich fahr nicht ins Krankenhaus.‘ Ungläubige Blicke, wir haben das ja weder geplant noch besprochen, und er hält das für überhaupt keine gute Idee. Wir einigen uns darauf, dass wir eine professionelle Meinung einholen und danach entscheiden, und kurz darauf steht Melissa, die Hebammennachbarin, im Zimmer. ‘Ach das sieht doch schon gut aus.‘ sagt sie, und beobachtet, wie ich aller paar Augenblicke eine Wehe wegschaukele und dazu summe.

Es gibt Milchkaffee im Familienbett, die Jungs schlafen immer noch, und Melissa tastet meinen Bauch ab. Alles prima, Baby ist schon gut unterwegs, und sie hat überhaupt keine Einwände gegen eine spontane Hausgeburt. Hätte sie den geringsten Zweifel geäußert, wäre ich widerspruchslos ins Krankenhaus gefahren, aber sie ist so ruhig und gelassen, und findet es so normal, dass ich hierbleiben will, dass ihre Ausstrahlung auch meinen Mann überzeugt. Er weiß ja, dass sie sowas jeden Tag macht und die Situation besser einschätzen kann als er, der erst zum dritten Mal eine Geburt erlebt.
Inzwischen haben wir unsere Babysitterfreundin angerufen, und erst als sie da ist wecken wir die Jungs, die noch immer friedlich schlummern und sich von meinem lauter werdenden Wehengetöne gar nicht stören lassen. Melissa erklärt ihr, dass sie die Jungs ruhig zu mir lassen soll, falls sie mich schreien hören und sich Sorgen machen – Kinder können es besser verarbeiten, wenn sie sehen was los ist, als wenn sie erschrocken rätseln müssen was Mama da macht. Kinder und Freundin gehen erstmal nach unten in die Küche, frühstücken. Wie von Melissa vorhergesagt, werden die Wehen sofort stärker, kann ich loslassen, als die Jungs aus dem Raum sind.

Jetzt warten wir aber noch auf Hanna, Melissas Kollegin, denn Melissa selbst nimmt gerade diesen Monat eine berufliche Auszeit, und ihr Versicherungsschutz auch. Sie macht mir warme Füße (kalte Füße machen mich regelrecht unglücklich und miesepetrig) und massiert mein unteres Rückenende, wackelt quasi das Baby in den Geburtskanal hinein. Die Wehen kommen jetzt schon unmittelbar hintereinander mit ganz kurzen Atempausen, die ich nutze um verschiedene Positionen auszuprobieren. Schließlich knie ich, mein Mann sitzt, an die Wand gelehnt, und ich lege Kopf und Arme auf seinen angezogenen Knien ab.

Hanna kommt! Ich sage noch ‘Baby, Hanna ist jetzt da, du kannst kommen.‘ und da ist auch schon die erste Presswehe, und dann kommen noch zwei oder drei, bis mir einfällt, dass ja meine Fruchtblase noch gar nicht geplatzt ist. Die wurde bei meinen vorherigen Geburten eröffnet, deswegen weiß ich jetzt gar nicht woran ich bin. Muss die nicht erst noch weg?? Bei dem Gedanken, dass ich jetzt hier vielleicht noch stundenlang rumpresse, und kein Ende abzusehen ist solange die Fruchtblase noch intakt ist, werde ich stinkesauer. So sauer, dass eine gewaltige Wut in mir hochsteigt und ich schreie ‘Ich will nicht mehr!!‘ und dann schreie ich noch wortlos weiter, weil mich noch eine einzige Presswehe überrollt, und da. Da ist mein Baby! Ich spüre ganz genau, wie es sich herausschiebt, dieses Brennen und Dehnen, das man eigentlich gar nicht aushalten kann, das aber der schönste Schmerz der Welt ist, weil man weiß, jetzt ist es geschafft, und gleichgleichgleich ist mein Baby bei mir. Und ich greife nach unten und es glitscht in meine Hände, ich hole es nach vorne UND ES IST EIN MÄDCHEN!! Ein Mädchen! Ein Mädchen das schreit, und ich lache und rufe immer wieder ‘Ein Mädchen!‘ und es trappelt auf der Treppe und da sind auch schon die großen Brüder und gucken ganz ungläubig. Es ist viertel nach acht.

Dann sitzen wir zu acht im Bett, wie gut dass wir ein großes Bett haben – Mama, Papa, Baby, zwei Brüder, zwei Hebammen und unsere Babysitterfreundin, die ganz sprachlos ist, denn so ein ganz frischgeborenes, nacktes Baby samt Blut und Käseschmiere sieht man ja nicht alle Tage, wenn man babysittet. Zum Glück hat sie starke Nerven, denn hoppla kommt auch schon die Nachgeburt, vor Publikum, aber ich schwebe irgendwo ganz oben und mache mir gar nichts daraus.

Papa schneidet die Nabelschnur durch, und jetzt nimmt mir KEINER mein Baby weg zum MessenWiegenWaschen, es bleibt nackt an mich gekuschelt und guckt mit großen Augen in diese neue helle Welt und schaut schon mal, wo es denn hier was zu essen gibt. Ich muss NICHT schnell raus aus dem Kreißsaal weil sich draußen auf dem Gang schon die nächste Frau mit Wehen krümmt, ich bleibe in meinem warmen Bett, Melissa und Hanna haben mir so geschickt was untergelegt, dass alles saubergeblieben ist. Die Fruchtblase ist beim Durchtritt geplatzt und alles kam in einem Schwall heraus, den sie gekonnt aufgefangen haben. Ich werde NICHT durch Krankenhausgänge gerollt und in ein Zimmer mit einer Fremden und ihrem Baby gestellt, ich bleibe einfach liegen, und ich bekomme auch KEIN ekliges Krankenhausessen (‘Vegetarisch gabs heut nich, wollnse Hühnchen?‘ Zitat Virchowklinikum Berlin 2011), sondern mich fragt mein Mann was ich denn frühstücken möchte, und dann macht er mir ein fabelhaftes Rührei mit Petersilie aus meinem Garten.

Während der letzten paar Stunden bin ich nicht ein einziges Mal untersucht worden, vom Bauchabtasten abgesehen. Mein Muttermund hat sich geöffnet, aber wann genau um wieviele Zentimeter, war ganz egal. Niemand hat mit einer Stoppuhr meine Wehenabstände gemessen oder mich an ein piepsendes CTG mit eklig kalten Gummiriemen angeschlossen, um den Prozess in Zahlen und Kurven festzuhalten. Es ging alles von alleine und genauso, wie es gehen soll. Aufzustehen und ins Krankenhaus zu fahren, hätte einen vollkommen normalen, natürlichen Vorgang nur unterbrochen und gestört.

Hanna untersucht uns noch kurz, eh sie geht, mich – keine Geburtsverletzungen – und mein Mädchenbaby – 3,5kg und 51cm, ganz normal, von wegen ich soll aufpassen dass mein Baby nicht zu groß wird, pffft. Abends kommt Melissa nochmal rüber, und dann jeden Tag eine von beiden, und sie finden jedes Mal ein friedlich schlafendes Baby und eine total glückliche, stolze Mama vor. Ich bin so froh und dankbar, dass ich auf mein Bauchgefühl gehört habe und so eine interventionsfreie, schöne, natürliche Hausgeburt erleben durfte! Als die Ärztin zur Nachuntersuchung 6 Wochen später ungläubig den Kopf schüttelt und vorwurfsvoll sagt ‘Man kann doch nicht einfach so zu Hause ein Kind kriegen!‘ sage ich nur fröhlich ‘Doch man kann, sehnse doch.‘ … aber ich glaube, ich such mir eine neue Ärztin.